Tell us about your voluntary experience abroad!

Oda Budny

Die deutsche Gesellschaft ist am Ende Zurückkommen und sein Land mit anderen Augen sehen

Alles begann als ich aus meinem Freiwilligendienst in Kolumbien wieder zurück nach Deutschland kam.

Ich wurde eigentlich immer für eine typische Deutsche angesehen, nicht nur vom Aussehen, sondern auch charakterlich – was das heißen mag, darüber bin ich mir selbst nicht im Klaren. Als ich aber zurückkam nach einem Jahr sozialer Arbeit in Kolumbien, konnte ich das Deutschland, was ich immer so gelobt hatte, auf einmal nicht mehr ertragen. Noch schlimmer, es machte mich richtig depressiv, weil ich mich ständig unter Druck gesetzt fühlte ohne überhaupt zu wissen von wem eigentlich.

Mit der Zeit merkte ich, dass ich nicht die einzige bin, die diesen Druck fühlt. Auch in der Universität schilderten viele Studenten, dass sie einem totalen Stress und „Workload“ ausgeliefert seien, obwohl sie einer Studie nach im Durchschnitt weniger als 26 Stunden in der Woche für das Studium arbeiten. Wenn ich meine Woche und die meiner Freunde so betrachte, dann scheinen mir die 26 Stunden auch durchaus realistisch. Warum fühlen wir uns so gestresst und unter Druck gesetzt, obwohl wir eigentlich doch Zeit haben und unser Lebensunterhalt gesichert ist?

In Kolumbien hatte ich so eine Art von Stress nicht, ich hatte immer ein Lächeln auf den Lippen und nahm die Dinge leicht. In mir entwickelte sich eine Art Grundvertrauen in das Leben, eine materielle Bescheidenheit, eine große Lebenszufriedenheit und ich fing an mich über jeden Windhauch zu freuen.  Diese Lebenseinstellung, die ich mir von meinen kolumbianischen Freunden abgeguckt hatte, wollte ich unbedingt in Deutschland beibehalten, denn es lebte sich wunderbar auf diese Weise. Als ich, zurück in meiner Heimat, merkte, dass ich immer wieder an der Umsetzung meiner Vorsätze scheiterte bzw. scheitere, habe ich angefangen mir intensiv darüber Gedanken zu machen, warum das so ist.

In einer Phase der Grübelei und Reflexion- vielleicht auch der Identitätsfindung- puzzelte ich mir ein Bild zu recht über unsere Gesellschaft und Kultur:

„Stillstand ist Rückschritt“, Gewinnmaximierung, „Mein Haus, meine Frau, mein Auto“, „Wir müssen produktiver werden!“,Schweizerbankkonten, „Du musst zu den Besten gehören, sonst bekommst du keine Jobs!“, „Guck bloß, dass du nicht zu kurz kommst.“ …

Das sind Sätze und Schlagworte, die uns regieren. Unsere Gesellschaft ist „Haben-orientiert“ und will immer noch mehr, denn „Stillstand ist Rückschritt“. Nicht nur unsere Wirtschaft ist kapitalistisch, sondern unsere Kultur ist es auch geworden, unter dem damit verbundenen Druck leiden die meisten. Es geht in so vielen Bereichen des Lebens nur noch um besser und mehr. Dabei gibt es inzwischen Studien, die besagen,  dass man ab einem gewissen finanziellen Niveau durch mehr Geld nicht mehr an Lebenszufriedenheit hinzugewinnt.

Wenn man aus einem weniger entwickelten Land zurück nach Deutschland kommt, wird einem bewusst, dass wir schon alles haben, was man braucht. Es mag Ausnahmen geben, aber ich behaupte, dass wir auf einem so hohen materiellen Niveau leben, dass es nichts Materielles mehr gibt, was wir wirklich brauchen und durch sparen nicht erreichen könnten. Die „Gewinnmaximiererei“ hat uns also dahin gebracht, wo wir sein wollten, denn unser Hab und Gut befriedigt weit über die  Grundbedürfnisse hinaus. Damit sind wir am Ziel angekommen, mehr gibt es da nicht zu holen, mehr brauchen wir nicht. Wir sind am Ende!

Am Ende zu sein hat meist eine negative Konnotation, wenn es sich jedoch um ein Ende durch das Erreichen eines Zieles handelt, dann ist es doch sehr positiv. Und man darf nicht vergessen, jedes Ende bietet die Möglichkeit eines Neuanfangs.  Jeder Neuanfang mag schwer sein, aber er bietet die Möglichkeit sich neue Ziele zu setzen und dadurch über sich hinauszuwachsen, was ja nach unserer jetzigen Kultur sehr erstrebenswert ist.

Wir wollen uns steigern, brauchen neue Ziele, wie machen wir das? Wir brauchen letztlich eine Kulturrevolution ein gemeinschaftliches Umdenken oder bessergesagt Weiterdenken.

Wenn wir aus alten Zügen weiterentwickeln und von Gewinnmaximierung auf Effizienzsteigerung kommen, dann ist der nächste logische Schritt unsere Definition von Effizienz von dem Faktor Geld auf immaterielle Lebensqualität zu übertragen.

Wenn man sich das Leben eines erfolgreichen Geschäftsmannes anguckt, dann arbeitet er in seinen jungen Jahren viel und hart, scheffelt Geld und merkt, dass das Geld allein, keine Verbesserung seiner Situation mit sich bringt. Ein Bekannter erzählte mir einst, dass er früher durch die Stadt ging, viele Sachen kaufen wollte, aber nicht konnte, weil ihm das Geld dazu fehlte. Danach machte er Karriere und verdiente das Geld. Zu seiner Enttäuschung kann er die Sachen, die er im Schaufenster betrachtete,  aber immer noch nicht kaufen, denn er schafft es leider nur sonntags überhaupt in die Stadt und dann sind die Geschäfte schon zu.

Mit dieser Erkenntnis wird er wahrscheinlich sobald er genügend Geld hat in den Frühruhestand gehen, um den Rest seines Lebens in Ruhe genießen zu können. Wenn wir diese Anekdote jetzt auf unsere neue Idee von Effizienzsteigerung übertragen, dann würde daraus das neue Ideal der 4 Tage Arbeitswoche bzw. der Arbeitswoche ohne Überstunden folgen. Wie schaffen wir es bei gleichem materiellem Wohlstand die Organisation der Produktion und Dienstleistungen so zu verbessern, dass wir weniger arbeiten müssen und mehr Freizeit haben. Dabei ist es auf keinen Fall eine Lösung, die Rohstoffe günstiger aufzutreiben, damit die Entwicklungsländer noch stärker auszubeuten, sondern hier ist der Gesellschaft wirklich eine Herausforderung gestellt: Wie können wir genauso gut und viel produzieren ohne soviel arbeiten zu müssen und –ganz wichtig- ohne anderen Mitmenschen oder der Natur dadurch zu schaden?

Da komme ich auch zu einem weitaus bedeutenderem Punkt. Der Mensch ist von Grund auf kooperativ und im Vergleich zu anderen Primaten sogar altruistisch veranlagt, hat Michael Thomasello, ein renommierter Anthropologe, herausgefunden. Weiter erklärt er, dass dies nicht bedeutet, dass der Mensch sich nicht gegen sich selbst -nämlich andere Menschen- richtet, sondern dass der Mensch innerhalb seiner Gruppe kooperativ ist und gerade dieses Gruppendenken oft zu Leid und Krieg führt.

Wohin führt dies also? Wir müssen logischerweise, um Leid und Krieg gering zu halten, unsere Definition von Gruppe ändern. Wenn wir unsere momentane Gruppenstruktur beschreiben sollten, dann würde ich behaupten, dass wir unsere Gruppen zunächst einmal in Form von Nationalstaaten definieren. Meine Gruppe ist also Deutschland.

Die EU, ist eigentlich schon ein wirklich großartiger Schritt in die richtige Richtung –Bildung einer globalen Kooperationsgruppe- gewesen, denn er führt dazu, dass wir unseren Nationalstaat um 26 Staaten vergrößern. Leider fand die EU wenig Anklang bei der europäischen Bevölkerung und es handelt sich bei Europa bisher ja auch nur um einen westlichen Kontinent mit insgesamt hohen Lebensstandards. Auch die Bewohner der anderen Kontinente sind Menschen und sollten nicht von uns ausgeschlossen werden. Darüberhinaus sind wir alleine nicht überlebensfähig, wir sind auf die Zusammenarbeit aller angewiesen, denn wenn z.B. der Bevölkerungswachstum nicht gemeinsam angegangen wird, dann werden bald Massen an Menschen verhungern und das wird auch unserer Lebensqualität ein Ende setzen. Wie Thomasello herausfand, entwickelten sich die Kooperationsgruppen aus dem Gedanken, der heute einer Solidaritätsgemeinschaft gleich kommt: „Dadurch, dass man anderen hilft, hilft man auch sich selbst.“ Durch die Gruppe gelangt jeder in einen höheren Zustand, als man allein je gelangen könnte.

Wir brauchen also eine Kooperationsgruppe, ein Denken, das die ganze Gattung Mensch und darüberhinaus das für unser Leben notwendige System Erde -dazu gehören Tiere, Pflanzen, Gestein etc.- miteinschließt.

Dieser Schritt, dieses Weiterdenken, wäre geradezu großartig  und revolutionär, er würde die Humanität der Menschheit beweisen. Und damit würde sich die deutsche Gesellschaft dann auch nicht abschaffen, –Grüße an Sarrazin[1]- sondern sie würde sich der Welt öffnen, welche dann gleichsam auch uns offen steht. Die Griechen, die Türken, die Afrikaner, die Russen, die Juden, die Muslime in Deutschland sind damit nicht unser Untergang  sondern unser Ausweg.


[1] Sarrazin ist ein ehemaliger Politiker, der in seinem pseudowissenschaftlichen Buch „Deutschland schafft sich ab“, erschienen 2010, aussagt, dass die Zuwanderung und Migration nach Deutschland zur Abschaffung Deutschlands führt.

by Oda Budny, Germany

 


Follow

Get every new post delivered to your Inbox.